Der Sündenfall

Die Veröffentlichung von Patch 1.2.0 markiert so etwas wie einen Neustart von StarCraft II. Nach dem Start der Beta und dem eigentlichen Verkaufsstart des Spiels ist das bereits der dritte innerhalb eines Jahres. Mit dem ersten war auch das Problem des fehlenden Chatchannelsystems in das grelle Licht der Öffentlichkeit geraten, das sich bereits auf der BlizzCon 2009 angebahnt hatte. Rund sechs Monate nachdem das Spiel in den Läden steht, ist es nun erledigt, oberflächlich zumindest. Die Chatchannels sind zum Symbol der Entfremdung zwischen Blizzard und der StarCraft-Szene geworden, sie standen stellvertretend für all das, was falsch lief am neuen Battle.Net. Kehrt mit der Implementierung nun Ruhe ein? Und wie ist dieser Schritt im Lichte des neuen Battle.Net zu werten?

Die ersten Reaktionen deuten nicht darauf hin, aber natürlich wäre es gefährlich, das übliche „Rauschen” – soll heißen die kritischen Stimmen, die fast immer lauter sind als die zustimmenden – vorschnell als Mehrheitsmeinung zu deuten. Doch zu glauben, mit den Channels hätte sich das Thema Battle.Net weitgehend erledigt, könnte sich als Trugschluss erweisen. Denn ob die Ruhe, die möglicherweise einkehrt, wenn schließlich auch die Bugs im Chatsystem behoben sind, die Folge eines befriedeten Konflikts oder ein schlichtes Anzeichen sinkender Spielerzahlen ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Ein Befreiungsschlag wird der Patch eher nicht sein, das zeigt schon die Liste von kleineren Ärgernissen, gerade auch im Bezug auf die Chatchannels, die nur Stunden nach der Veröffentlichung zusammengetragen wurde. Besonders pikant: Der Patch wurde seit Anfang Dezember in mehreren Phasen in der US-Region getestet. Dennoch enthält der Patch die eine oder andere Funktion, über die so mancher Fan nur den Kopf schüttelt, wie z.B. die Möglichkeit jeden, dessen Spielernamen man kennt, in einen seiner Channels zu holen und zwar, anders als bei Partien, ohne Nachfrage.


Rob Pardo auf der BlizzCon 2009: „There will not be chat channels at ship”

Die Chatchannels illustrieren wie kein anderes Beispiel die Mißverständnisse, die entstehen, wenn man versucht StarCraft nach oberflächlichen Kriterien einzuschätzen. Bevor wir uns in die Tiefen dieser Analyse begeben, sollte man versuchen diese fundamentale Problematik völlig zu umreißen. Ich kenne StarCraft jetzt seit über zehn Jahren und habe seit über sieben Jahren durch broodwar.de bzw. inStarcraft.de mit den einen oder anderen Feinheiten der Szene zu tun. Trotzdem, oder vielleicht eher gerade deswegen, fällt es zuweilen schwer, Außenstehenden überhaupt in wenigen Sätzen zentrale Konflikte aus der Szene anschaulich zu erklären. Es gibt Dinge, die so viel Geschichte und so viel Hintergrund haben, daß sie mit einem kurzen Blick auf das Spiel nicht zu verstehen sind. Auch der zweite Blick reicht dafür oft nicht, es benötigt eine umfassende Beschäftigung, wenn nicht gar eine Teilnahme am Geschehen, um ein Problem wirklich in vollem Umfang erfassen zu können. Und genau hier liegt sehr wahrscheinlich eine der fundamentalen Ursachen für die Fehlplanungen in Sachen Battle.Net.

Die Chatchannels haben dies für rund ein Jahr überdecken können, denn sie sind eines der wenigen anschaulichen und zugleich auch für Außenstehende leicht verständlichen Beispiele. Es ist also taktisch klug gewesen diese nachzuliefern, denn selbst wenn andere große Probleme bleiben, könnte die Masse der Kritik nun verstummen, auch mangels ausreichend plakativer Argumente und in der Folge mangelnder Masse an Kritikäußerungen.

Die Erschütterung eines Urglaubens

Als auf der BlizzCon 2009 Rob Pardo das neue Battle.net präsentierte, war das eine Überraschung. Bis dato hatte sich Blizzard in Sachen Battle.Net extrem bedeckt gehalten. Obgleich es schon seit Mitte 2007 immer wieder anspielbare Versionen von StarCraft II gab, sowohl für Presse- und Fanseitenvertreter als auch für jedermann, waren Bildschirmfotos von den vorherigen Menüs offiziell immer verboten. Im Juni 2009 sollte das Battle.Net eigentlich vorgestellt werden, doch Blizzard machte kurzfristig einen Rückzieher. Ein getwittertes Handyfoto eines Teilnehmers der amerikanischen Pressetour im Blizzard HQ sorgte gar für großen Ärger. Im Oktober 2009 wurde langsam klar warum, denn die Menüführung im nun vorgestellten Battle.net unterschied sich deutlich von dem, was man bisher gesehen hatte. Zwar gab es schon vorher die heutige Hintergrundanimation mit dem Kreuzer im Orbit eines Planeten, aber nicht nur die Anordnung, sondern das ganze Konzept hinter dem Menü war auf den Battle.Net-Screenshots völlig anders als bei den anspielbaren Versionen.

Doch der große Aufschrei blieb zunächst aus. Es galt die Devise „Es wird schon alles so, wie wir es uns wünschen. Die bei Blizzard wissen genau, was sie tun.“ Ab dem 17. Februar 2010 fand dieser Gedankengang mit dem Start der Beta bei vielen Fans ein jähes Ende. Nun hatten sie das Werk selbst auf ihrem Rechner und merkten, daß auf der BlizzCon nicht etwa nur die neuen Funktionen des Battle.Net präsentiert worden waren, nein, das neue Battle.Net beschränkte sich auf die dort vorgestellten Funktionen. Der Urglaube, daß man es mit einer Weiterentwicklung des erprobten Systems aus WarCraft III zu tun habe, wurde plötzlich erschüttert.


Im Juni 2009 via Twitter geleaktes Foto von der damaligen Battle.Net-Oberfläche. Kurz zuvor war Greg Canessa zu Blizzard gewechselt.

So überrascht wie die Fans über das neue Battle.Net waren, war offenbar auch Blizzard über die konsternierten Reaktionen. Schließlich hatte man Monate zuvor das neue Battle.Net angekündigt, kurz vor dem Betastart gab es dann nochmal eine Vorschau samt Video und Screenshots. Wie kam es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung? Wer vor tausenden Leuten im Saal und Abertausenden im Internet Neuerungen präsentiert, täuscht sich schnell darin, wieviel davon in der Breite hängen bleibt. Natürlich, die Zuhörer vor Ort und die genauen Beobachter von so mancher Fanseite haben schnell die Tragweite erkannt, die Frage nach den Chatchannels kam auch schon direkt am Ende des Vorstellungspanels, als Greg Canessa und Rob Pardo auf eine Frage, die sich eigentlich nach Verbesserungen des Chatchannelsystems erkundigte, antworteten, daß es zunächst ab Verkaufsstart gar keine Chatchannels geben werde. Doch jenseits der wirklich Sachkundigen erreichte die Nachricht, zumindest in ihrer Tragweite, die Szene nicht. (Wir berichteten damals auch in einem Newsupdate darüber.) Das liegt freilich nicht nur an Blizzard, sondern auch an der Einstellung, daß die meisten Leute erst meckern, wenn sie die Auswirkungen unmittelbar spüren und nicht bereits im Vorfeld. Das macht es auch so schwierig das Feedback in jeder Art von Entwicklungsprozess richtig zu gewichten, denn es meldet sich nur eine bestimmte Klientel und so muß man in jedem Fall abwägen, ob es sich bei der Meinung einzelner wirklich um eine repräsentative Meinung handelt, die nur bisher kaum einer ausspricht, oder doch nur um eine Einzelmeinung, die vor allem aus den persönlichen Vorlieben des Vortragenden herrührt. Im Falle der Chatchannels hat man die Meinung, sofern sich Blizzard damit überhaupt eingehender befasst hat, falsch eingeordnet.

Blizzards Bruch mit der Tradition

Es wäre allerdings ebenso falsch das heutige Battle.Net als eine Konsequenz von zu wenig Feedback oder der falschen Einordnung dieser Rückmeldungen zu sehen. Das neue Battle.Net – Blizzard selbst spricht und sprach nie vom „Battle.Net 2.0”, dies ist ein reiner Szenebegriff – ist vor allem die Folge eines neuen Konzepts, mit dem Blizzard zugleich eine Tradition gebrochen hat. Blizzard ist nicht für besonders innovative Konzepte berühmt, sondern für die konsequente, aber behutsame Weiterentwicklung. Während manch innovatives Spielkonzept woanders scheitert, baute das Erfolgskonzept von Blizzard gewissermaßen auf gute Remixe: StarCraft zu WarCraft II, WarCraft III zu StarCraft, StarCraft II zu StarCraft und WarCraft III, in allen Fällen nimmt das Spiel Anleihen an seinen Vorgänger, versucht das zu behalten, was erfolgreich war und ergänzt es vorsichtig um neue Elemente. Klar, die Einführung vom Helden im Multiplayer in WarCraft III kann man auch als Bruch sehen, aber durch die getrennten Spielwelten zwischen StarCraft und WarCraft gab es genügend Raum dafür und schließlich borgte sich StarCraft II dieses Konzept auch nicht aus. Selbst die Aufstufung der Zerg-Königin um zwei Stufen, in der ersten anspielbaren Zerg-Version noch enthalten, wurde schnell wieder fallen gelassen. Und so behutsam, wie die Spielelemente selbst, wurde auch das Battle.net weiterentwickelt. WarCraft III führte ein automatisches Matchmaking ein, behielt aber die Spielmöglichkeiten von Brood War zusätzlich bei. (Die nicht gemeinsam zu betrachtenen Replays seien hier mal als unrühmliche Ausnahme gewertet, deren Bedeutung man wohl jahrelang schlicht unterschätzt hat.) Doch ausgerechnet bei StarCraft II, dem Spiel mit dem ständigen Balanceakt zwischen eSport-Tradition und Neuerungen, machte man in Sachen Battle.Net einen harten Schnitt.

Warum? Die Antwort auf diese Frage, jenseits von PR-Phrasen und 08/15-„awesome”-Aussagen, suche ich schon eine Weile. Eine erste umfassende Betrachtung habe ich vor 14 Monaten im Dossier „Der Machtkampf” diskutiert, nämlich das Battle.Net als eine restriktive Antwort auf den Machtkampf in Korea. Die Erfahrungen seither haben diese These nicht widerlegt, es gibt aber einige Anzeichen dafür, daß dies nicht der einzige Auslöser für das neue Battle.Net war. Die Antwort auf die Frage, warum Blizzard das alte Battle.Net-Konzept verworfen und völlig neu angefangen hat, ist deshalb so interessant, weil hier die Ursache für die ganze Problematik rund um StarCraft II liegt, vom fehlenden LAN-Modus über die Chatchannels bis hin zum abschreckenden Mapsystem. Das neue Battle.Net ist so etwas wie die Urkatastrophe oder, biblisch gesprochen, der Sündenfall.

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
ICCup Streams am Wochenende Blizzard Custommaps Online