Das Wachstum (Teil II)

Der erste Teil der Serie gab bereits eine grobe Übersicht woher Brood War kam, was mit der Fangemeinde nach der Beta passierte und zeigte erste Schritte eines Wiederaufbaus – allerdings endete der Zeitraum mit dem Sommer 2011. Die Fortsetzung wird an diesen Zeitpunkt anknüpfen, denn ab dort wurde die Lage langsam stabiler. Die Russen, unter der Federführung von Defiler.ru und reps.ru, die Amerikaner auf TeamLiquid, und viele andere mehr organisierten mehr denn je. Denn der Bedarf an Brood War wurde noch nicht wirklich gedeckt!

Die Lücke

Im letzten Artikel war bereits die Rede vom Amerikaner usaDavid „Game“ Barr, der Kopf hinter der International Starleague 1 und 2. Anfangs erschien usaGame als die einzige Person mit genug Tatkraft, um die Szene wiederzubeleben, besonders da die Russen nach außen wenig Werbung betrieben. Sobald Projekte besprochen oder gefordert wurden, war es daher nicht überraschend, dass man nach Miami blickte – denn wenn es einer könnte, dann der Amerikaner. Doch auch dieser hatte seine Grenzen: Nach dem Streit mit dem russischen Portal ICCup musste er mit technischen Hürden leben, die er nur schwer in Griff bekommen konnte. Sein Team rund um den englischen Caster ukSayle und Helfershelfer usanOoNe war ausgelastet. Das russische Portal ICCup hatte ähnliche Probleme: Dort wurde kein großes Turnier mit finanziellen Anreizen organisiert, aber das Rankingsystem und der Piratenserver selbst mussten gewartet werden.

Aber die Fans wollten trotzdem etwas anderes als nur die Starleagues. Diese sind gut, dauern aber nicht lange und sind schnell vorbei. Was fehlte waren Ligen und zwar die ganz großen. Die BWCL, die hauseigene Liga von broodwar.de, und die ICCCL, ICCups Clan Liga, konnten die Ansprüche nicht erfüllen. Zu viel Inaktivität, zu wenige Preise, kaum Berichte. Außerdem, was passierte mit den Nationalteams?

Profil: EywaSC

Diese Fragen beschäftigten auch einen Kanadier: kanadaBenjamin „EywaSC“ Petroff. Dessen Karriere begann – ähnlich wie die des Amerikaners usaGame – im Frühjahr 2011 auf dem russischen Portal ICCup. Auch er war ambitioniert, hatte große Pläne und wollte beim Wiederaufbau Hand anlegen. Jedoch teilte er usaGames Ansichten und Charakterzüge. Er war impulsiv, wollte schnell vieles erreichen, ICCup war ihm zu langsam, zu konservativ, die Ladder-Turniere nicht der richtige Hebel. Es kam zu kleinen Streitigkeiten und beide Parteien trennten sich.

Als Turnieradmin versuchte der Kanadier bereits im Sommer 2011 kleinere Showmatches zu organisieren, allerdings mit mäßigem Erfolg. Er schaffte es einige der Stars der ISLs anzuwerben, welche dann in einem King of the Hill spielten. Richtig interessiert hat das damals noch niemand, die Streamqualität war suboptimal, die Werbung kaum vorhanden. Aber der erste Schritt war getan, kanadaPetroff war überzeugt, dass mehr möglich wäre – besonders, da die ISLs Erfolg hatten.

Der Gambit Cup

Nachdem ICCup als möglicher Partner ausschied, die Russen kein Interesse an mehr Projekten hatten, war die logische Anlaufstelle für den Kanadier der ISL-Organisator usaGame. Eine Allianz machte Sinn, beide mochten den Piratenserver nicht, beide wollten sich ins Rampenlicht stellen. Einem fehlte Personal, dem anderen die Kontakte.

Um etwas auszuholen: Das Hauptproblem der ICCCL und der BWCL war im Frühjahr 2011 weniger das Personal, mehr jedoch die Clans selbst. Besonders die niedrigeren Divisionen der Teamligen kämpften mit Inaktivität, die nur schwer zu kontrollieren war. Es kam immer wieder zu einem Dominoeffekt: Ein Team zerbrach, das andere hatte an einem Spieltag zu wenige Mitglieder. Daraus resultierten frühe Disqualifikationen, häufig mussten deswegen die aktiven Clans warten, oder wussten nicht, ob es sich überhaupt lohnen würde jeden Sonntag zu warten. Konsequenterweise erschienen dann tatsächlich immer weniger Teams und die Divisionen waren kurz vor dem Zusammenbruch. Für die ICCCL gab es eine weitere Besonderheit, wie bereits im letzten Artikel herausgestellt – die Topteams trauten der Leitung nicht mehr, da sowohl der Chefadmin usaJoe „JoeKim“ Kim als auch usaGame ihre Rechte ausnutzten und betrogen.

Genau hier kam kanadaEywaSC ins Spiel. Sowohl usaGame als auch usaJoeKim starteten einen öffentlichen Diskurs, beide wollten eine Premier-League gründen, für die sich Clans einkaufen sollten. Das sollte alle Probleme aus dem Weg räumen. Kein Clan konnte es sich wortwörtlich leisten nicht zu erscheinen und es gäbe mehr Anreize. Der Haken war, dass man beiden Betrügern, vor allem JoeKim, kein Geld anvertrauen wollte. Damals, im Frühjahr 2011, war das freilich nur zwischen den Zeilen zu lesen, da der Betrug noch nicht öffentlich bekannt war, aber immerhin – viele Topclans zögerten. Den Kanadier kanadaEywaSC kannte man allerdings schon etwas durch seine Showmatches.

Um es kurz zu halten, mit Hilfe von usa Game konnte kanadaEywaSC einige Clans kontaktieren und die Lage recht gut einschätzen. Die Idee einer Liga mit Startpreis wurde kurzerhand umgesetzt und im Juni 2011 der Öffentlichkeit präsentiert. Der Gambit Cup (Gambit’s / Gambits, die Schreibweise variiert) war geboren. Natürlich gab es viel Skepsis, wenige Teams waren stabil genug und man wusste, dass Game irgendwie die Finger im Spiel haben könnte. Trotzdem meldeten sich fünf Teams an. Nicht perfekt, aber gut genug.

Die Teams

Den Anfang machte usaGames Team, die Los Reyes Del Mambo Evolutions. Diese wurden damals noch als das Beste gesehen, zumindest was die ICCCL anging, vor allem ihre Zerg waren teilweise schon vor der Wings-of-Liberty-Beta internationale Topstars. Da war unser deutscher Superstar deutschlandAnton „kolll“ Emmerich, der in den WCG 2009 den vierten Platz belegte, bulgarienDimiter „TechnicS“ Sivkoff, der in den WCG 2006 Bulgarien vertrat, deutschlandMike „Bakuryu“ Lange, der im ersten Artikel vorgestellt wurde, und letztendlich noch polenPike, ein ehemaliger polnischner Nationalspieler. Abgerundet wurde das Line-Up durch neue, gute Spieler, wie etwa polenChoosy oder schwedenOya, die entweder in der ICCCL oder in den Defiler Turnieren zu den stärksten Vertretern Europas gehörten.

Im Gegensatz zur ICCCL brauchte ein Clan mehr als nur ein paar wenige gute Spieler für den Gambit Cup, weswegen zwei Teams unter derselben Flagge antraten. Die beiden osteuropäischen Teams „Team Noob“ und „sas“, jetzt „sasNb“ genannt. Auf einmal hatte LRM Evolutions also einen Konkurrenten, da die beiden leicht schlechteren Rivalen ein monströses Line-Up stellen konnten. Da war einmal ungarnSziky, der wohl stärkste Spieler, aber auch eine ganze Zahl an guten Oldschoolern: russlandRamms, über dem schon im ersten Artikel berichtet wurde, finnlandNapoleon, der schon seit 1998 weit oben mit dabei war, rumaenienFlaF, der in den TSLs antrat, oder polenMazur, ein starker Polnischer Protoss. Osteuropa war zurück.

Das dritte Team wurde von den Protoss polenSneazel und kanadaDraW gegründet – das Gambit-Team. Beide waren wohl die stärksten Vetreter ihrer Rasse und konnten dank ihren Kontakten alles aufsammeln, was nicht in den anderen beiden Teams unterkam. Generell gesprochen war hier Nordamerikas Elite vertreten, besonders usaMichael sollte sich zu ihrem stärksten Spieler entwickeln.

Das vierte Team war usaJoeKims Kind: very Talented veterans (vTv). Genau wie das Gambit-Team versuchte der WCG USA 2010 Qualifikant den Rest Nordamerikas zu sammeln, fand allerdings eher zweitklassige Spieler. Das absolute Ausnahmetalent in vTvs Kader war usaScan, der mit Sziky der stärkste Spieler dieser Zeitspanne war.

Den Abschluss bildete das englische Team Avatars of Victory (AoV). Diese wurden von ukMote ‚Keatinge‘ Elegant geleitet sowie gesponsert und wurden vor allem als Geldgeber für die erste Iccup Starleague bekannt. Ihr Kader war im Vergleich zu den anderen vier Teams unterbesetzt. Wenn es hoch kam, konnten sie ein oder zwei Spiele pro War entscheiden. Die Motivation des Teams war eher olympisch, teilnehmen ist alles. Ohne sie wäre wohl die erste Saison nicht gestartet.

Die Liga selbst war mehr als nur chaotisch, obwohl kanadaPetroff versuchte professionell aufzutreten. Der Kanadier unterschätzte mangels Erfahrung häufig die technischen Details, schaffte es selten die Tabellen zeitnah zu aktualisieren, war noch zu schüchtern etwaige Dispute mit fester Hand zu regeln und überlies viel dem Zufall. Trotzdem, für sein erstes Projekt war es akzeptabel, jeder macht Fehler. Negativ ist vor allem, dass kaum etwas über die Liga archiviert wurde, weswegen viele der relativ guten Spiele nicht mehr wirklich als VOD zu finden sind.

Profil: Hacklebeast

Das Chaos hätte schlimmer sein können, wenn es nicht den Amerikaner usaTom ‚Hacklebeast‘ Hackleman gegeben hätte. Dieser bewies einmal mehr, dass man Dreck zu Gold machen kann, wenn der Kommentar stimmt. Der Amerikaner hatte bereits vor der Teamliga immer wieder versucht Spiele zu kommentieren. Als für den Gambit Cup ein Caster fehlte, war das seine große Chance, die er auch nutzte.

Neben ukSayle mauserte er sich zum bekanntesten Gesicht der Szene, hielt in den Forenthreads die Fans auf dem Laufenden und analysierte fast jedes einzelne Spiel. Anders als Sayle kommentierte er nüchtern, blieb mit der Kamera immer am Geschehen und hatte einen eher trockenen Humor.

Gambit Cup im Kontext

Auch wenn es als ex-ICCup-Admin schwer fallen mag, der Gambit Cup war von höchster Bedeutung, obwohl er das Kind eines langen Dramas war, das die Szene fast in mehrere Lager spaltete. Obwohl es viele Turniere gab, kam eine Nischenszene schlecht weg und war vom Aussterben bedroht: Die Teamspieler. Jene, die lieber 2on2 spielten, als Mann gegen Mann anzutreten. Die hatten nämlich nichts. Die ICCup-Ladder war schön und gut, allerdings nicht das Gelbe vom Ei, denn dort konnte man durch diverse legale Tricks höhere Ränge erspielen und Gegnern ausweichen. Wirklichen Ruhm erlangte man also nicht. Die Liga eröffnete allerdings ein anderes Feld, dort konnte man sich einen Namen machen.

2on2 Bild

Man kann auch zu dem Prinzip stehen wie man will, die Clanszene war kurz vor dem Kollabs. Ob nun eine Liga mit Eintrittsgeldern kombiniert werden sollte oder nicht war zweitrangig, etwas musste passieren. Gerade das alte Clan-Prinzip, dass so viele Spieler fesselte, war kaum noch vorhanden. Die besten Spieler trainierten untereinander für die Defiler- und ISL-Turniere, sodass ein Team reines Mittel zum Zweck war. Die Masse an B- oder C-Klasse Spielern hätte wohl über kurz oder lang gar nichts mehr gemacht, denn in den ISLs oder den russischen Turnieren hätten sie kein Land gesehen. Was wäre auch der Sinn sich dauernd schlagen zu lassen, die Finalisten waren ja sowieso klar. In einer Teamliga konnte man sich allerdings beweisen, man spielte für ein höheres Ziel.

Da man nur wenig über den Gambit Cup findet, werden wir hier abkürzen. Es kam wieder zu dem klassischen Finale zwischen LRM Evolutions und dem Team sasNoob – gleich zweimal. Das osteuropäische Team gewann zweimal in einem knappen 3-2. Im letzten Spiel der ersten Saison besiegte ungarnSziky den deutschen deutschlandkolll in einem Zerg Mirror.

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
Seite 2: Das Wachstum von Brood War nach dem Wiederaufbau Amateur Brawl Cup S3 - Ranglisten-Update