Die Akte sAviOr – Vergebung, oder Verdammnis?

Im Juni 2010 erschütterte ein Erdbeben die Grundfesten der südkoreanischen Brood War Szene, als die Korean eSports Association (KeSPA) bekannt werden ließ, dass elf ihrer Progamer im großen Stil an einem Wettbewerbsskandal beteiligt waren. Gerade korea Ma Jae „sAviOr“ Yoon wurde in den folgenden Monaten durch den Dachverband zum Symbol dieses Vorfalls instrumentalisiert. Dass die Akte noch lange nicht geschlossen ist, zeigen die emotionalen Ausbrüche in Foren, Artikeln und Turnieren, selbst Jahre nachdem alles gesagt zu sein schien.

Aufstieg und Fall einer Legende

korea sAviOrs Aufstieg begann 2003, als er mit gerade mal 16 Jahren die ersten Schritte in der südkoreanischen Profiszene unternahm. Innerhalb des nächsten Jahres spielte er sich in das A-Kader seines Teams, und glänzte vor allem in Teamligen mit anschaulichen Strategien, die selbst etablierte Veteranen in die Knie zwangen. Ab 2005 gab es dann kein Halten mehr, er gewann gleich sechs der wichtigsten Individualturniere in nur zwei Jahren, feierte dabei Sieg um Sieg gegen die Eliteklasse der KeSPA, ohne dabei Schwächen zu offenbaren. Ausschlaggebend für den Erfolg des Zergs war dabei weniger sein technisch makelloses Spiel, vielmehr seine taktische Brillianz. In einer nur sehr kleinen Zeitspanne revolutionierte sAviOr alle Zerg Match Ups, führte seine Kollegen in eine neue Ära und schrieb sich in die Geschichtsbücher Brood Wars ein. Das Publikum, Profis und selbst die KeSPA sparte nicht an Lob: Zwischen 2005 und 2007 nannte man ihn den Maestro, den Renaissancefürsten der Zerg, gab ihm dem Titel eines Bonjwa, der nur den Größten unter den Großen vorbehalten war, im Westen kürte man ihn zum „God of the Battlefield“. Doch der Ruhm hielt nicht ewig.

Das Blatt wendete sich als sAviOr im Finale der GomTV MBC Starleague Season 1 gegen korea Bisu antreten musste. Eben jenes Aufeinandertreffen von Titanen gehört mittlerweile zu den Klassikern professioneller Brood War Partien: Vor mehreren hundert Zuschauern wurde der Maestro mit einem 0-3 vom Thron gestoßen. Der Stil des Bonjwas wurde hart gekontert, die unmögliche Niederlage markierte den Anfang des Endes eines der Wunderkinder Koreas.
Entsprechend hart traf diese Niederlage sAviOr selbst, er verfiel in ein Formtief, aus dem er sich nie wieder wirklich hat befreien können. In den folgenden Jahren wurde die ehemalige Legende zu einem Aushängeschild seines Teams, CJ Entus, und eher ein Maskottchen auf der Bank während Ligaspielen, als wirklich als Leistungsträger zu fungieren. Obwohl seine Fans immer noch zu ihm hielten – die Tage des Glanzes wurden nie vergessen – wurde er zu einem alten Mann auf dem Abstellgleis, dessen Rücktritt nur eine Frage der Zeit war.

Als im Frühling 2010 Gerüchte kursierten, dass KeSPA-Spieler in einen Wettbewerbsskandal verwickelt sein könnten, kam niemand auf die Idee, dass der Name sAviOr involviert sein könnte. Umso härter traf es die Gemeinde, dass eben jener Maestro, der das Spiel so bereicherte, nicht nur betrogen, sondern auch noch Kopf einer Verschwörung gewesen sein sollte, und eine Anklage durch die Justiz unausweichlich war.

Die Zeit schien still zu stehen, als dem Zerg vorgeworfen wurde sowohl eine Partie absichtlich verloren zu haben, als auch Wettmaklern bei der Rekrutierung von Spielern geholfen zu haben. Im anschließenden Gerichtsverfahren blieb Yoon weitestgehend ungeständig, leugnete aktiv betrogen zu haben, räumte aber teilweise Schuld in Bezug auf die Organisation ein – Rekrutieren ohne die Folgen abschätzen zu können ja, betrügen nein, er wusste nicht, dass er illegal handelte. Letztendlich wurde er sowohl von der Justiz als auch von der KeSPA verurteilt: Bewährungsstrafe und lebenslanger Ausschluss von Turnieren der KeSPA.

Der Zusammenbruch der KeSPA – direkte Folge des Skandals?

Der Wettbewerbsbetrug war zweifellos ein herber Tiefschlag für die KeSPA, deren Wirtschaftsmodell für Brood War sowieso in Schieflage war. Neben dem Skandal trugen sie Zeitgleich einen heftigen juristischen und ökonomischen Krieg mit dem Hersteller Activision Blizzard aus. General Mengsk beschrieb in seinem Dossier dieses Kräftemessen treffenderweise als einen Machtkampf.

Als Gegenstand des Disputs wurde offiziell die von Blizzard geforderten Lizenzen für Live-Übertragungen benannt, inoffiziell ging es allerdings um die Kontrolle über den Südkoreanischen Videospielmarkt. Beide Seiten lenkten lange nicht ein und bauten Mauern, die erst im Frühjahr 2012 nach einer beiderseitigen Einigung zerbröckelten.

Ironischerweise schlugen die Waffen der beiden Szenegiganten tiefe Wunden dort, wo sie am wenigsten hätten treffen sollen. Bei den Fans. StarCraft II wurde verspätet beworben und hatte einen faden Beigeschmack, als ein Wechsel von Brood War zum Nachfolger mit der Hybrid-ProLeague übers Knie gebrochen wurde, während StarCraft II keinen LAN Support erhielt. Die Matches der Hybridliga waren qualitativ mangelhaft, Progamer gezwungen zwei Titel parallel zu üben, die Belastung der Berufsspieler auf ein Maximum gesteigert. Jene, die noch Brood War sehen wollten, hatten keine Chance mehr.

Gleichzeitig verlor das Echtzeitstrategiegenre an Anhängern, Titel wie League of Legends oder World of Tanks zogen sehr viel junges Blut an, was einen großen Migrationsstrom auslöste. Der Wettbewerbsbetrug war nur der Anfang einer langen Kettenreaktion, die letztendlich Brood War für die KeSPA unwirtschaftlich machte. Sponsoren und Investoren verloren das Vertrauen, wovon erst die Teams betroffen waren, dann die Organisation selbst. Der Umstieg war unausweichlich.

Umso interessanter sind die Reaktionen der Fans, damals wie heute: sAviOr ist ein rotes Tuch in Forendiskussionen. Sobald sein Name erwähnt wird, werden sofort die Folgen des Wettbewerbsbetrugs in den Raum geworfen. Dank sAviOr gäbe es kein Brood War mit KeSPA mehr, der Ruf, die Ehre und die Reputation der Szene insgesamt hätte gelitten, und sAviOr solle am besten im Boden versinken, und nie wieder sein Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen – sAviOr ist der Quell allen Übels. Doch wie viel Schuld trägt sAviOr eigentlich? Ab wann kann man ihm vergeben? Darf er noch Brood War abseits der Profiszene spielen? Die Meinungen gehen weit auseinander.

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Seite 2: Die Akte sAviOr Brood War: VODs

Die Akte sAviOr – Vergebung, oder Verdammnis?

Im Juni 2010 erschütterte ein Erdbeben die Grundfesten der südkoreanischen Brood War Szene, als die Korean eSports Association (KeSPA) bekannt werden ließ, dass elf ihrer Progamer im großen Stil an einem Wettbewerbsskandal beteiligt waren. Gerade korea Ma Jae „sAviOr“ Yoon wurde in den folgenden Monaten durch den Dachverband zum Symbol dieses Vorfalls instrumentalisiert. Dass die Akte noch lange nicht geschlossen ist, zeigen die emotionalen Ausbrüche in Foren, Artikeln und Turnieren, selbst Jahre nachdem alles gesagt zu sein schien.

Aufstieg und Fall einer Legende

korea sAviOrs Aufstieg begann 2003, als er mit gerade mal 16 Jahren die ersten Schritte in der südkoreanischen Profiszene unternahm. Innerhalb des nächsten Jahres spielte er sich in das A-Kader seines Teams, und glänzte vor allem in Teamligen mit anschaulichen Strategien, die selbst etablierte Veteranen in die Knie zwangen. Ab 2005 gab es dann kein Halten mehr, er gewann gleich sechs der wichtigsten Individualturniere in nur zwei Jahren, feierte dabei Sieg um Sieg gegen die Eliteklasse der KeSPA, ohne dabei Schwächen zu offenbaren. Ausschlaggebend für den Erfolg des Zergs war dabei weniger sein technisch makelloses Spiel, vielmehr seine taktische Brillianz. In einer nur sehr kleinen Zeitspanne revolutionierte sAviOr alle Zerg Match Ups, führte seine Kollegen in eine neue Ära und schrieb sich in die Geschichtsbücher Brood Wars ein. Das Publikum, Profis und selbst die KeSPA sparte nicht an Lob: Zwischen 2005 und 2007 nannte man ihn den Maestro, den Renaissancefürsten der Zerg, gab ihm dem Titel eines Bonjwa, der nur den Größten unter den Großen vorbehalten war, im Westen kürte man ihn zum „God of the Battlefield“. Doch der Ruhm hielt nicht ewig.

Das Blatt wendete sich als sAviOr im Finale der GomTV MBC Starleague Season 1 gegen korea Bisu antreten musste. Eben jenes Aufeinandertreffen von Titanen gehört mittlerweile zu den Klassikern professioneller Brood War Partien: Vor mehreren hundert Zuschauern wurde der Maestro mit einem 0-3 vom Thron gestoßen. Der Stil des Bonjwas wurde hart gekontert, die unmögliche Niederlage markierte den Anfang des Endes eines der Wunderkinder Koreas.
Entsprechend hart traf diese Niederlage sAviOr selbst, er verfiel in ein Formtief, aus dem er sich nie wieder wirklich hat befreien können. In den folgenden Jahren wurde die ehemalige Legende zu einem Aushängeschild seines Teams, CJ Entus, und eher ein Maskottchen auf der Bank während Ligaspielen, als wirklich als Leistungsträger zu fungieren. Obwohl seine Fans immer noch zu ihm hielten – die Tage des Glanzes wurden nie vergessen – wurde er zu einem alten Mann auf dem Abstellgleis, dessen Rücktritt nur eine Frage der Zeit war.

Als im Frühling 2010 Gerüchte kursierten, dass KeSPA-Spieler in einen Wettbewerbsskandal verwickelt sein könnten, kam niemand auf die Idee, dass der Name sAviOr involviert sein könnte. Umso härter traf es die Gemeinde, dass eben jener Maestro, der das Spiel so bereicherte, nicht nur betrogen, sondern auch noch Kopf einer Verschwörung gewesen sein sollte, und eine Anklage durch die Justiz unausweichlich war.

Die Zeit schien still zu stehen, als dem Zerg vorgeworfen wurde sowohl eine Partie absichtlich verloren zu haben, als auch Wettmaklern bei der Rekrutierung von Spielern geholfen zu haben. Im anschließenden Gerichtsverfahren blieb Yoon weitestgehend ungeständig, leugnete aktiv betrogen zu haben, räumte aber teilweise Schuld in Bezug auf die Organisation ein – Rekrutieren ohne die Folgen abschätzen zu können ja, betrügen nein, er wusste nicht, dass er illegal handelte. Letztendlich wurde er sowohl von der Justiz als auch von der KeSPA verurteilt: Bewährungsstrafe und lebenslanger Ausschluss von Turnieren der KeSPA.

Der Zusammenbruch der KeSPA – direkte Folge des Skandals?

Der Wettbewerbsbetrug war zweifellos ein herber Tiefschlag für die KeSPA, deren Wirtschaftsmodell für Brood War sowieso in Schieflage war. Neben dem Skandal trugen sie Zeitgleich einen heftigen juristischen und ökonomischen Krieg mit dem Hersteller Activision Blizzard aus. General Mengsk beschrieb in seinem Dossier dieses Kräftemessen treffenderweise als einen Machtkampf.

Als Gegenstand des Disputs wurde offiziell die von Blizzard geforderten Lizenzen für Live-Übertragungen benannt, inoffiziell ging es allerdings um die Kontrolle über den Südkoreanischen Videospielmarkt. Beide Seiten lenkten lange nicht ein und bauten Mauern, die erst im Frühjahr 2012 nach einer beiderseitigen Einigung zerbröckelten.

Ironischerweise schlugen die Waffen der beiden Szenegiganten tiefe Wunden dort, wo sie am wenigsten hätten treffen sollen. Bei den Fans. StarCraft II wurde verspätet beworben und hatte einen faden Beigeschmack, als ein Wechsel von Brood War zum Nachfolger mit der Hybrid-ProLeague übers Knie gebrochen wurde, während StarCraft II keinen LAN Support erhielt. Die Matches der Hybridliga waren qualitativ mangelhaft, Progamer gezwungen zwei Titel parallel zu üben, die Belastung der Berufsspieler auf ein Maximum gesteigert. Jene, die noch Brood War sehen wollten, hatten keine Chance mehr.

Gleichzeitig verlor das Echtzeitstrategiegenre an Anhängern, Titel wie League of Legends oder World of Tanks zogen sehr viel junges Blut an, was einen großen Migrationsstrom auslöste. Der Wettbewerbsbetrug war nur der Anfang einer langen Kettenreaktion, die letztendlich Brood War für die KeSPA unwirtschaftlich machte. Sponsoren und Investoren verloren das Vertrauen, wovon erst die Teams betroffen waren, dann die Organisation selbst. Der Umstieg war unausweichlich.

Umso interessanter sind die Reaktionen der Fans, damals wie heute: sAviOr ist ein rotes Tuch in Forendiskussionen. Sobald sein Name erwähnt wird, werden sofort die Folgen des Wettbewerbsbetrugs in den Raum geworfen. Dank sAviOr gäbe es kein Brood War mit KeSPA mehr, der Ruf, die Ehre und die Reputation der Szene insgesamt hätte gelitten, und sAviOr solle am besten im Boden versinken, und nie wieder sein Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen – sAviOr ist der Quell allen Übels. Doch wie viel Schuld trägt sAviOr eigentlich? Ab wann kann man ihm vergeben? Darf er noch Brood War abseits der Profiszene spielen? Die Meinungen gehen weit auseinander.

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