Underground Brood War – Die Zukunft in Korea

Seit der StarCraft II Beta gab es kaum noch Positives aus Korea zu hören. Ein langer Rechtsstreit, Wettbewerbsbetrug, fehlende Investoren, rückläufige Zuschauerzahlen und die Auflösung von professionellen Teams, alles kein Grund zur Freude. Dass die KeSPA, die koreanische eSport Dachorganisation, einen Umstieg auf den Nachfolger nach knapp zwölfjähriger Geschichte vollzog, überraschte keinen mehr. Dieser Schritt ergab vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive Sinn, die Propaganda aber ging oft weit an der Zielgruppe vorbei. Das Ende für offizielles koreanisches Brood War kam im September 2012, doch hinter den Kulissen formiert sich bereits eine neue Szene, die durchaus ein beachtliches Potential hat.

Eine kurze Chronik des Verfalls

Die momentane Situation in Südkorea ist komplex und das Produkt einer langjährigen Entwicklung, mehreren organisatorischen Fehlern, wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen und unvorhergesehenen Schicksalsschlägen. Um zu verstehen, was genau vor sich geht und warum, oder was passieren wird, muss man schon einige Jahre zurück gehen. Nur wer die Geschichte kennt, kann die Folgen verstehen und eine weitere Entwicklung abschätzen.

Im Sinne des Artikels sind vor allem die Fanreaktionen, der Wettbewerbsbetrug und die finanziellen Probleme der letzten Jahre von größerer Bedeutung.

Der Propagandakrieg

Sowohl die KeSPA, OnGame.net und Blizzard versuchten nach Beendigung ihres Rechtsstreites immer wieder die massive Fanbasis zu überreden dem Nachfolger eine Chance zu geben. Mit der Hybrid-Pro League sollte ein Wandel vorbereitet werden, eine sanfte Einführung in das Neuland StarCraft II. Dies ist eher mit Schwierigkeiten über die Bühne gegangen, der Modus war für die meisten Zuschauer uninteressant, verwirrend oder störend. Leere Sitzreihen in kleineren Stadien während der einstmals so angesehenen Pro League zeigten das recht deutlich – nie war ein Finale so ignoriert worden.
Die meisten Kommentare lesen sich einheitlich: Es sei unfair. Unfair dem Nachfolger gegenüber, da man qualitativ minderwertige Spiele zu sehen bekam, unfair den Spielern gegenüber, da sie doppelt belastet wurden, unfair Brood War gegenüber, da man keine finale Saison der 14 jährigen Tradition bekam. Wirtschaftlich sinnvoll, ja, qualitativ aber unterirdisch. Das Stichwort: „Frankensteinexperiment“. Tot ist es wohl für jeden besser.

Die Konsequenz: Immer mehr der noch aktiven Spieler wechselten entweder in den Ruhestand, die Armee, wurden zu Kommentatoren oder suchten Zuflucht als Trainer in anderen Genre-Titeln. Die Fans murrten und ignorierten die Pro League. Das ist alles andere als unverständlich, denn der Wechsel und die Politik von KeSPA und Blizzard war eine 180°-Wende zu allem, was seit der StarCraft II Beta passierte. Erst wurde StarCraft II von offizieller Seite ins Aus gedrängt, kaum etwas wurde übertragen, dann auf einmal sollte es der heilige Gral des RTS Genres sein, die glorreiche Zukunft des eSports. Zwar wurde der Nachfolger in Korea erstmals der Öffentlichkeit während des Worldwide Invitational 2007 in Seoul präsentiert und schlug auch wie eine Bombe ein, trotzdem torpedierte die KeSPA mit all ihren Mitteln mehrmals StarCraft II: Altersbeschränkungen, um Primetime-Sendungen zu verhindern, waren nur einer der vielen Knüppel, die man Blizzard zwischen die Beine werfen wollte. (Mehr dazu u.a. im Dossier Der Machtkampf.)
Den plötzlichen Frontenwechsel zu schlucken war ein schwerer Brocken. Völlig unabhängig davon, ob StarCraft II es wert ist oder nicht: Die Hetzkampagne und Schlammschlacht hinterließ Spuren und nahm jedem effizienten Wechsel von vornherein den Wind aus den Segeln. Da beide Seiten andauernd mit den
unterschiedlichsten Mitteln taktierten, litten vor allem die Fans: Verschobene Ligen, kein LAN-Modus sowie Sender, die nicht mehr senden durften. Die Firmen und Organe mögen das vergessen können, die Zuschauer behalten aber so etwas im Kopf.

Finanzielle Probleme und Wettbewerbsbetrug

Wie groß die finanziellen Probleme der Brood-War-Szene und was deren Ursachen waren, kann man nur schätzen. Es gibt und gab seit jeher eine stabile Szene, die wenig wuchs, allerdings auch nicht wirklich schrumpfte. So wirklich veränderte sich die Zielgruppe nicht, trotzdem nahm die Nummer der zahlungswilligen Sponsoren ab. Der Rechtsstreit und die dadurch verschobenen Veranstaltungen mögen dabei das Ihre getan haben.

Illegales Glücksspiel und Spielsucht scheinen in Südkorea ein wirkliches Problem zu sein. Zahllose Gesetze, Sozialprogramme und politische Initiativen kümmern sich genau um dieses Phänomen. Und wo Glücksspiel zu einem gesellschaftlichen Brennpunkt wird, sind auch die Betrüger und
Trittbrettfahrer nicht weit. Im März 2010 formierte sich eine Gruppe um Ma Jae Yoon, der in frühen Meldungen meist nur „Mr. Ma” genannt wurde, die mehrere Spiele in der Pro League mit Absicht schmissen. Diese flogen relativ schnell auf und zwangen sowohl die KeSPA, als auch die koreanische Justiz zum Handeln. Wenn man sein Image aufrecht erhalten will, dann muss so etwas geahndet werden. Konsequenterweise erhielten alle Mitverschwörer, soweit gefunden, Bewährungsstrafen, wurden lebenslang von allen KeSPA-Events verbannt und in offiziellen Sendungen gebrandmarkt.

Da gerade im asiatischen Raum Konfuzianismus und daraus folgend Respekt groß geschrieben wird, war dieser Vorfall fatal für die eSport-Szene. Im
Radsport überrascht einen so etwas nicht mehr, im eSport war so etwas allerdings undenkbar. Laut offizieller Seite und inoffiziellen Kommentaren
von „Szeneinsidern” war gerade dieser Matchfixing-Skandal einer der Hauptgründe, warum sich die Investoren aus diesem Sektor zurückzogen. Um ihre weiße Weste nicht zu beflecken und genau die Probleme zu vermeiden, unter denen der Radsport immer noch leidet: Sinkende Quoten, enttäuschte
Zuschauer und Sponsoren, die die Sparte verlassen.

Der Exodus

Alles zusammen, fehlende Investoren, Wettbewerbsbetrug und Rechtsstreit führten dazu, dass immer mehr wichtige Organisationen die KeSPA verließen. Den Anfang machten die Teams Hwaesung Oz, WeMade FOX, Hite Sparkyz und MBC Game Hero – diese lösten ihren Kader auf. Fast zeitgleich folgte ihnen der Sender MBCGame, obwohl das Management angeblich nur den Fokus auf Musik ändern wollte, da dort „mehr Profit“ in Aussicht stand. Ähnliche Gründe wurden von den Investoren der Teams angegeben, wobei besonders Hite Sparkyz kaum noch wettbewerbsfähig war, da sie viele Spieler durch die Betrugsserie verloren. Die OnGame.net Starleague und die Pro League wurden auf unbestimmte Zeit verschoben, offiziell zuerst wegen des Rechtsstreits. In der Folgezeit wurde aber klar, dass auch hier die Investoren rar waren. Zudem hatte die ProLeague selbst ein Team zu wenig, als das eine vernünftige Liga hätte geplant werden können – also wurde kurzerhand ein neues Team auf die Beine gestellt. Und wieder ohne Sponsoren, die Gehälter kamen aus der KeSPA-Portokasse. Bis jetzt hat dieses hat immer noch keinen offiziellen Partner, selbst nach der Hybridliga. Vor drei Jahren war das noch undenkbar, wenn man mit Namen wie JaeDong, Killer oder Sea aufwarten konnte.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Wechsel notwendig war, zumindest aus einer wirtschaftlichen Perspektive – Brood War litt unter
massiven Problemen. Allerdings steht auch fest, dass der Nachfolger die ältere Fanbasis eher enttäuscht, nicht wegen seiner Qualität, eher durch die Schlammschlacht und schlechte Organisation. Die Faktenlage objektiv zu bewerten ist fast unmöglich, da die KeSPA nicht wirklich für transparente Politik bekannt ist. Es kommen mehr Variablen hinzu, die zumindest am Rande noch genannt werden könnten: Brood War ist alt und das RTS-Genre ist heutzutage nicht mehr so beliebt wie Anfang des Jahrhunderts. Eventuelle Migration der Zuschauer zu anderen Titeln sind vorhanden, doch wie groß dieser Strom ist, bleibt unklar.
Prinzipiell spielt das für diesen Artikel auch eine sehr untergeordnete Rolle, da die neue Szene fernab von KeSPA und Blizzard operiert und mit diesen in keine Konkurrenz treten werden muss. Sponsoren, die für StarCraft II wichtig sind, sind für die Untergrundgemeinde uninteressant, daher
wäre auch eine Analyse des Nachfolgers, dessen Marktwertes und Zukunft hier irrelevant, da beide Seiten der jeweils anderen neutral gegenüber stehen: Somit würden ohnehin nur Äpfel und Birnen verglichen, was wiederum von Haus aus verzerrt und nutzlos ist. Fakt ist aber, dass es in Korea noch tausende Fans gibt, die gerne Brood War schauen und viele ehemalige Progamer vorhanden sind, die aus Teams flogen, aber gerne wieder das tun würden, was sie am besten können.

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