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Blizzard antwortet auf Storyfragen - Teil 4: Probleme durch Wings of Liberty?

von General Mengsk (Autoren-Archiv) am 29.10.2012 um 18:05

Zum vierten Mal hat Blizzard heute Antworten auf Storyfragen veröffentlicht. Nachdem bereits in der letzten Woche die Qualität der Fragen und noch mehr der Antworten von Brian Kindregan deutlich gestiegen ist, war die spannende Frage, auf welchem Niveau es diese Woche weitergehen dürfte. Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Es geht auf hohem Niveau weiter. Die Vorfreude auf die Kampagne von Heart of the Swarm dürfte weiter wachsen.

Die erste Frage dreht sich um Raynors Sinneswandel zwischen seinem Versprechen Kerrigan zu töten in Brood War und seinen Handlungen am Ende von Wings of Liberty. Das Thema war bereits letzte Woche zur Sprache gekommen und wird nun noch einmal aufgegriffen:

Frage: Raynors Haltung in StarCraft II war verwunderlich, wenn man das Ende von Brood War bedenkt. Nachdem Kerrigan ihn verraten und Fenix getötet hatte, verlor er sein Vertrauen in sie und war fest entschlossen, sie loszuwerden. Er schwor sogar, sie umzubringen. Was führte zu seinem Sinneswandel, der ihn Tychus töten ließ, um sie zu retten?

Antwort: Einen Großteil dieser Frage habe ich schon beantwortet, allerdings möchte ich aus zwei Gründen, die ich in umgekehrter Reihenfolge darlegen werde, noch einmal darauf eingehen.

Zu Tychus: Als Jim und Tychus mit Kerrigan in der Höhle waren, ging Jim aufs Ganze. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Es gab kein Zurück und was getan werden musste, musste getan werden.

Wesentlich wichtiger ist jedoch der gute Einwand, dass Jims Einstellung und Handlungen zu Beginn von Wings of Liberty verwunderlich waren. Ich würde gerne mit der Community darüber diskutieren und eure Meinung dazu hören. Am Anfang von Wings of Liberty waren vier Jahre seit Brood War vergangen und Jim hatte einiges durchgemacht. Er hatte Zeit gehabt, um über das Geschehene nachzudenken – vielleicht sogar zu viel Zeit. Außerdem hatte sich die Königin der Klingen während dieser Phase größtenteils zurückgezogen und schürte so seinen Hass nicht weiter. Hätte Jim an diesem Punkt genauso wie zuvor empfunden und sich nicht weiterentwickelt, wäre das ziemlich seltsam gewesen – als hätte es die dazwischenliegenden vier Jahre nicht gegeben und als wäre er nichts weiter als ein zweidimensionaler Automat, der im Fegefeuer auf die Fortsetzung der Geschichte wartet. Also betäubte sich Jim mit Alkohol und konzentrierte sich auf die Dinge, die er verloren hatte, darunter den rothaarigen Ghost Sarah Kerrigan.

Das ist die Logik hinter Jims verwunderlichen Aktionen. Als Gegenargument könnte man anführen, dass die Spieler diese vier Jahre nicht gemeinsam mit ihm erlebt und dies daher als Unterbrechung wahrgenommen haben. Jim ist von einer Haltung direkt zu einer anderen gesprungen – ein vollkommen begründetes Argument.

Daher möchte ich die Community nach ihrer Meinung fragen. Was denkt ihr? Hätte Jim sich emotional an demselben Punkt wie vier Jahre zuvor befinden sollen? War diese Weiterentwicklung eine gute, wenn auch schlecht umgesetzte Idee? Kam diese Idee vielleicht bei den meisten von uns gut an? Oder hätte sie völlig anders ausfallen müssen?

Tja, Charakterentwicklung oder „Inkonsistenz”? Die Meinungen bei den Fans dürften hier weit auseinander gehen. Was meint ihr?

Die zweite Frage knüpft auch an das Ende von Wings of Liberty an und dreht sich darum, dass Raynor, Valerian und Warfield die Zerg im Orbit von Char schlagen konnten, während dies selbst der kombinierten Streitmacht von VED, Liga und Protoss am Ende von Broodwar nicht gelang. Auch über diesen Punkt gab es bereits Diskussionen. Kindregan fasst hier die wichtigen Aspekte noch einmal zusammen:

Frage: Wie konnte die Flotte der Liga Char besiegen, wenn sogar Artanis, die Liga und das VED es während Brood War nicht geschafft hatten? Wie konnte die Liga eine solch unglaublich riesige Flotte bauen, um Char nach dem verheerenden Verlust Jahre zuvor einzunehmen?

Antwort: Da gibt es eine Reihe von Faktoren. Die Flotten des VED sowie von Mengsk und Artanis waren schon während Brood War angeschlagen worden. Die Liga und das VED hatten darüber hinaus kurz zuvor einen Zusammenstoß auf Korhal, der beide Armeen geschwächt hatte. Auch Stukow und Duke standen ihren Armeen nicht mehr zur Verfügung.

Vier Jahre später hatte die Liga Zeit gehabt, mehrere große Flotten mit wesentlich fortschrittlicherer Technologie zu bauen, und die Terraner hatten viel über die Bekämpfung der Zerg gelernt. Was aber noch wichtiger ist: Als die Flotte der Liga angriff, befand sich ein Großteil des Schwarms nicht auf Char, da die Königin der Klingen Zerg ausgesandt hatte, um Teile des Artefakts zu finden. Sie rief sie beim Auftauchen der Flotte der Liga zurück, wobei nur die nächsten Bruten in der Lage waren, in den Kampf einzugreifen, da der Rest verstreut war. Für die Königin der Klingen war das ein kalkuliertes Risiko, allerdings schätzte sie die Gefahr durch das Artefakt höher ein als die der drohenden Invasion. Und meiner Meinung nach hatte sie Recht, da die Invasion schließlich fehlschlug. Nur durch den Einsatz des Artefakts konnte Raynor das Blatt wenden.

Zu guter Letzt gibt es noch eine Art Metafrage, nämlich darüber, welche Probleme Wings of Liberty den Storyschreibern selbst bereitet hat. Unter Storykennern wurde öfter darüber diskutiert, ob es sogenannte „Retcons” gegeben habe, also Änderungen der Originalstory. Kindregan dementiert das und verweist auf etwas, das oft übersehen wird, sowohl in SC1 als auch in SC2: Die Geschichten werden nämlich meist nicht objektiv, sondern aus einer gewissen Wahrnehmung erzählt. Auch wenn wir in SC2 direkter sehen, was passiert, sind beispielsweise die Erkenntnisse von Zeratul doch eben seine persönlichen Eindrücke und deren Interpretationen:

Frage: Zu welchen besonderen Geschichtsproblemen hat Wings of Liberty Blizzards Meinung nach geführt?

Antwort: Ich gebe oftmals Kritikern Recht, die sich darauf beziehen, dass wir das, was wir vermitteln wollten, nicht optimal zum Ausdruck gebracht haben. Allerdings haben wir nichts eingeführt, was der Gesamtgeschichte widerspricht – nur die Ausführung war teilweise verbesserungswürdig.

Ein praktisches Beispiel: der Overmind. Wir haben einen Teil seiner Hintergrundgeschichte enthüllt, bei der Präsentation allerdings Fehler gemacht, sodass sich nur ein unvollständiges Bild ergeben hat. Hierbei handelte es sich um Ereignisse, die lange zurücklagen, und wir bekamen nur die Sicht einer der daran beteiligten Parteien mit. Andere Figuren hätten sicherlich unterschiedliche Auffassungen gehabt. Und wir reden hier nur über das erste Kapitel einer langen Geschichte, bei dem nicht einmal die Zerg im Mittelpunkt standen. Also gingen wir davon aus, dass die Enthüllungen des Overminds Fragen aufwerfen würden, statt sie zu beantworten. Da lagen wir jedoch falsch – wir haben nicht deutlich gemacht, dass es sich um ein unvollständiges Bild handelte. Aus diesem Grund nahmen es viele als definitive Aussage über die Ereignisse hin und waren verständlicherweise verärgert. Wir gingen ebenfalls davon aus, dass Tassadar Komplimente über den Mut des Overminds machen könnte, ohne dass sie wie die allerbesten Freunde wirken würden. Mit anderen Worten: Man kann zwar den Mut eines Feindes bewundern, ihn aber trotzdem hassen. Aber das war ein Fehler. Wenn man bedenkt, wie wenig Tassadar im gesamten Spiel sagt, hätte man keine Dialogzeilen für an den Feind gerichtete schöne Worte vergeuden sollen. Das hat einen falschen Eindruck erweckt.

Letztendlich haben wir überhaupt nicht damit gerechnet, dass die Leute Vergleiche zwischen StarCraft und Warcraft III ziehen und darauf basierend Vermutungen anstellen würden. „Braune Orcs, grüne Orcs. Der Overmind ist gut!“ Nirgendwo im Spiel haben wir behauptet, der Overmind wäre „gut“, hätten aber das, was wir gesagt haben, deutlicher rüberbringen müssen. Beispielsweise hätten wir klarstellen können, dass die Zerg nicht „gut“ sind und es auch niemals waren. Da wir unsere Aussagen nicht erläutert haben, hat sich die Community – zu Recht – auf andere Beispiele aus Blizzards Titeln bezogen.

Wir werden immer Probleme damit haben, in einem temporeichen und dynamischen Spiel Konzepte mit wenigen Zeilen zu verdeutlichen, die 50 Seiten eines Romans füllen würden (wie beispielsweise die Hintergrundgeschichte des Overminds oder die vorangegangene Diskussion über den freien Willen). Wir werden nie die Möglichkeit haben, Dinge so detailliert zu erklären, wie wir es uns vorstellen, und müssen daher die Interpretationshoheit den Spielern überlassen. Narrative Spiele sind keine Filme und auch keine Romane. In diesem Fall hätten wir jedoch besser daran getan, unseren Ansatz zu verdeutlichen und vorherzusehen, auf welche Arten er falsch interpretiert werden könnte.

Das ist ein Punkt, an dem wir auch weiterhin arbeiten.

Die Storykritik an Wings of Liberty dürfte auf jeden Fall die Aufmerksamkeit der Storyschreiber geschärft haben. Hoffentlich werden wir die Früchte davon in der Kampagne von Heart of the Swarm bald genießen dürfen.

Kommentare

29.10.2012 - 21:32
100 Kommentare
Registriert: 23.07.2009
nice, für mich der beste teil bis jetzt
30.10.2012 - 11:36
225 Kommentare
Registriert: 18.06.2007
Fands schon vorher logisch ;-)
30.10.2012 - 12:50
3: Sok4R 
288 Kommentare
Registriert: 27.02.2005
Die Antwort auf die letzte Frage ist ja quasi ein Schuldeingeständnis, was Blizzard bei der Präsentation der Story von WoL falsch gemacht hat (zu wenig klare Infos). Was mich aber trotzdem wundert ist, dass sie die Fan-Reaktion völlig falsch eingeschätzt haben. Wenn sie sich dessen jetzt bewusst sind hoffe ich mal, dass es a) in HotS besser wird b) evtl. sogar einige Dinge ausgebügelt werden.
Prinzipiell müssen sie ja nicht viel ändern, gerade auf dem Schiff von Raynor hätte genug Möglichkeiten gegeben, optionale Informationen (die 50 Romanseiten) an Konsolen o.ä. unterzubringen. Dazu einige Aussagen deutlicher machen (alle Varianten spukten in den Story-Foren schon mal herum), dann sollte HotS aus Story-Sicht besser werden als WoL. Spielerisch gabs ja sowieso wenig auszusetzten.
30.10.2012 - 15:24
4: Enkil 
81 Kommentare
Registriert: 28.07.2006
kp ich fand nicht nur die präsentation scheisse. hat sich einfach bei weitem nichts mehr so gut angefühlt wie zur broodwar zeit. die missionen etc waren wirlich unterhaltsam, aber die story hat wie auch bei diablo3 stark abgenommen.
30.10.2012 - 21:11
24 Kommentare
Registriert: 28.08.2005
Was auch daran liegt das der Blickpunkt in WoL ein anderer war. In SC und BW waren wir "nur" Kommanduere der Streitkräfte und haben nur die Informationen gekriegt die unsere Vorgesetzten uns gegeben haben. Nichts davon ist ein Objektives Abbild. Dadurch konnten wir uns viel besser in die Lage hieneinversetzen und uns mit der gespielten Rasse identifizieren.
In WoL sind wir Jim. Das kam aber echt scheisse rüber, weswegen es sich eher anfühlt wie, ja, genau, wie garnichts. Wir konnten uns sehr schlecht in die Welt hieneinversetzen da ein klarer Standpunkt fehlte.

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